Zacken, Gabeln, Klapperstöcke – Der Studio Chor Berlin lädt zum Hexentanz

Auszug aus der Kritik:

„…Ein solches Programm hat der Studio Chor Berlin zu Pfingsten im Konzerthaus präsentiert, unter seinem neuen Leiter Alexander Lebek. Besonders die erste Programmhälfte mit Ludwig van Beethovens „Meerestille und Glückliche Fahrt“, Robert Schumanns „Nachtlied“ und Johannes Brahms „Schicksallied“ stellt dabei eine große Herausforderung für den erst seit Februar amtierenden jungen Dirigenten dar. Innerhalb von nur wenigen Minuten müssen der Chor und das Neue Konzertorchester Berlin beachtliche Kontraste zwischen emphatisch geschilderten Entgrenzungserfahrungen und tröstlichen Visionen unter einen Spannungsbogen zwingen.

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Wie aus einem Guss wirkt dann Mendelssohns „Erste Walpurgisnacht“, die Vertonung von Goethes frech antiklerikaler Ballade. Das ist nicht zuletzt den engagierten und dramatisch denkenden Solisten zu verdanken – allen voran der Bariton Jonathan de la Paz Zaens. Mit beachtlicher Präsenz in der Rolle des Druidenpriesters schlüpfend, sorgt er dafür, dass die aufklärungsfeindlichen „dumpfen Pfaffenchristen“, welche die hier deutlich pantheistisch angehauchten alten Sachsen unterdrücken, ihr Fett wegbekommen. Einen Heidenspaß hat auch der plastisch deklamierende Studio Chor Berlin daran, den Widersachern mit „Zacken, Gabeln, Glut und Klapperstöcken“ einen furchterregenden Hexensabbath vorzutäuschen. Bis dann alle in ein wunderbar intensiv gestaltetes, gleichsam von innen glänzendes Finale einmünden, um die lichte Stimmung eines von klerikalen Zwängen befreiten Glaubens zu feiern.“

Erschienen am 17. Mai 2016 im Tagesspiegel – Carsten Niemann

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Klassik und Komödie – Aktionsreiches Eröffnungskonzert zu den 16. Falkenseer Musiktagen

Auszug aus der Kritik:

„…Beim nächsten Stück, einer Humoresque des amerikabegeisterten Antonin Dvorak, verführten die drei jungen Damen – nun im verändertem Outfit und mit Cowboyhüten – das auf eine Reise durch den Wilden Westen. Die Geige zielte auf den Bürgermeister, ein Schuss knallte, Geige und Cello verfolgen sich im schnellen Lauf um das Piano. Begeisterung bei den überraschten Zuhörern, besonders bei den Jüngeren. […] Mit dieser spritzig, humorvollen, einfallsreichen Vorstellung ist den Künstlerinnen ein ebenso niveauvoller wie unterhaltsamer Konzertabend gelungen, der die Vorfreude auf die kommenden Veranstaltungen geweckt hat.“

Erschienen am 26. April 2015 im Brandenburger Wochenblatt

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“Acis und Galatea” in Gartow – Händels Prachtstückchen in ländlicher Idylle

Gartow
Der Festsaal im Schloss als Konzertsaal und Opernhaus, der Park als geselliger Ort für ein sommerlich sonniges Picknick, dazu junge Künstler, die dem Publikum die Ohren klingen lassen. Andreas Graf von Bernstorff lässt diese Idylle im Familienschloss Gartow (kurz hinter Gorleben) – neben anderen Konzerten – an einem Wochenende im Jahr Wirklichkeit werden. Diesmal mit einem Barockkonzert und Händels erster englischer Mini-Oper, “Acis And Galatea”.

Das auf kleinstem Raum intelligent inszenierte Barockdramolett wurde zum vollendeten Genuss weit über dem Niveau einer gehobenen Liebhaber-Aufführung. Fünf hervorragende Sänger interpretierten das Liebesspiel um die Nymphe Galatea, den Hirten Acis und das Monster Polyphem mit Leidenschaft und brillanten Stimmen. Überragend Simon Wallfischs schlanker und strahlender, in den Koloraturen und Verzierungen sehr beweglicher Tenor. Überzeugend auch Tobias Hagges Polyphem-Bass, brutal und hilflos zärtlich zugleich. Herdis Anna Jonasdóttir (Sopran) sang seelenvoll die Nymphe, die ihren Geliebten im Kampf mit dem Monster verliert, Oliver Uden (Tenor) dessen Nebenbuhler Damon, und Tasuku Ishizuka (Countertenor) den Amor.

Hervorragend die Idee von Regisseur Georgios Kapodoglou, die Natur, die eine zentrale Rolle spielt, durch eine Tänzerin zu visualisieren (ein Highlight: Linda Weißig).

Sieben Musiker unter der Leitung von Fausto Nardi am Originalklang-Instrumentarium ließen Händels fein gestrickte Musik transparent aufblühen. Langanhaltender Beifall der 140 begeisterten Besucher.
Die Hamburger können sich freuen: Am 6. November ist die kleine, feine Inszenierung in der Hochschule für Musik und Theater zu Gast.

Erschienen am 18. August 2008, Hamburger Abendblatt

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Lokales aus dem Landkreis Lüchow-Dannenberg

Im Garten der Affekte

Fausto Nardi dirigiert Händels »Acis und Galatea» in der Inszenierung von Georgios Kapoglou in Gartoe
tj Gartow. Vielleicht ist es die letzte Arie der Galatea, von der aus der Händels Oper »Acis und Galatea» am schlüssigsten gelesen werden kann: »Heart, the seat of soft delight», singt sie, und verwandelt ihren toten Geliebten Acis mit ihrer »pow»r divine» in einen Bach, »like crystal flood». Es geht um Liebe, es geht um Natur.

Gleitend, federnd die Begleitung, in der ständig neue Farben, neue rhythmische und metrische Spielereien auftauchen und versinken. Die Sopranistin Norma Nahoun lässt ihre Stimme zart im Irgendwo zwischen Melancholie und Hoffnung schweben, Linda Weißig tanzt dazu, aus fließender Bewegung und blauen Stoffstreifen entspringt ein Fluss auf der Bühne. Metamorphose, Verwandlung – sie ist das zentrale Prinzip in »Acis und Galatea», die Georg Friedrich Händel 1718 auf ein Libretto von John Gay, Alexander Pope und John Hughes komponiert hat. Der Text basiert auf Ovids »Metamorphosen». Im Rahmen der Schlosskonzerte Gartow war die Erstfassung dieser »Masque» – der Begriff wäre am ehesten mit »Pastorale» ins Deutsche zu übertragen – zweimal zu hören. Am Sonntag beschlossen standing ovations ein fulminantes Muskwochenende. Das Schlussbild fasst die Oper treffend zusammen. Immer wieder entwickeln sich in diesem Garten der Affekte in der Textur der Musik zunächst fast unmerklich völlig neue Stimmungen. Dem von Norma Nahoun mit warmen Glanz und subtil gestalteten »As when the dove laments her love» (verdienter Szenenapplaus) folgt das von Galatea und Acis (feinfühlig, aber manchmal ein wenig zu festhaltend: der Tenor Götz Phillip Körner) funkelnd gesungene Liebesduett »Happy we». Der Chor »Wretched lovers!» dann nimmt erst den Gestus des Duetts auf, dann kehrt sich der Affekt um, wenn ein dunkler Schatten im Stimmengeflecht auftaucht: die Stimme des »monster Polypheme».

Der Bass Tobias Hagge singt den einäugigen Riesen, der Galatea begehrt. In seinen Arien wie »I rage – I melt – I burn!» kann er die Qualitäten seiner markanten Stimme voll zur Geltung bringen: Energie, kombiniert mit Präzision. Große Qualitäten, die den darstellerischen entsprechen: Hagges Polyphem ist zwar Monster, aber auch etwas komisch. Oder anrührend, etwa ob der töpeligen Versuche, mit denen er auf Anregung von Acis» Freund Damon (der Tenor Oliver Uden sang ihn beweglich und ausdrucksstark) sich in Zärtlichkeit versucht: ein barocker King Kong. Nur im Chor ist Countertenor Tasuku Ishizuka zu hören – dass er mit seiner schlanken Stimme feinfühlig zu gestalten weiß, machten auch die Arien deutlich, die Ishizuka bei dem der Oper vorangehenden Kammerkonzert sang. Als subtile Interpretin mit funkelndem Esprit war dabei auch die Sopranistin Herdis Anna Jonasdottir zu erleben, die am Sonnabend die Galatea gesungen hatte. Die ständige Verwandlung als Grundprinzip der Musik von »Acis und Galatea» arbeitete das von Fausto Nardi gelassen und pointiert dirigierte sechsköpfige Begleit-Ensemble mittels subtiler Farbnunancierungen, schwebenden dynamischen Wechseln, rhythmischer Raffinesse eindringlich heraus. Auch die Inszenierung von Georgios Kapoglou folgt dem Primat des Themas Verwandlung, verweigert jede umstandslose Eindeutigkeit. Die handelnden Charaktere scheinen immer wieder ineinander zu verfließen. Galatea und die von Linda Weißig in leichte Tanzbilder gefasste Natur werden stellenweise zu einer Einheit, Acis und Polyphem sind auch als zwei Seiten einer Medaille gezeichnet. Im Zusammenspiel mit der wandelbaren Musik entstehen eindringliche Szenen, so etwa im von den beiden Rivalen und Galatea gesungenen Trio »The flocks shall leave the mountains/Torture, fury, rage, despair». Der wilde Gestus der Musik endet im Einsturz der Mauer, die das Zentrum des von Silvia Platzek realisierten Bühnenbildes bildet – Acis, so heißt es bei Ovid, wurde mit einem Stein erschlagen. Außer der Mauer besteht das einfache, aber vielschichtige und vielfältige Spielmöglichkeiten eröffnende Bühnenbild aus sechs Quadern, die während des Eröffnungschores von den Solisten mit Symbolen zu Aspekten des Themas bemalt werden. Georgios Kapoglous Personenführung nutzt die Quader für schlüssige Konstellationen.

Das Projekt ist auch Chance für die jungen Interpreten von der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. Deren Förderverein zählte neben der hiesigen Sparkasse, der Lottostiftung, dem Lüneburgischen Landschaftsverband und der Ritterschaft des Fürstentums Lüneburg zu den Sponsoren.

Bild: Händels Oper “Acis und Galatea” war am Wochenende im Schloss Gartow zu erleben. Norma Nahoun (Sopran) und Götz Phillip Körner (Tenor) sangen Sonntag die Hauptrollen. 3 Aufn.: T. Janssen

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Zyklop sorgt für Horror-Komik

Gastspiel von Händels Taschenoper „Acis und Galatea” im Celler Schloss

Sehenswertes Gastspiel des Musikfestivals Lüneburger Heide: Händels Oper „Acis und Galatea” hat das Publikum im Rittersaal des Celler Schlosses begeistert. Das junge Berliner Ensemble griff in seinem Gesang stilkundig barocke Aufführungspraktiken auf und Tobias Hagge sorgte in der Rolle des Zyklopen sogar für einen Hauch von Horror-Komik.

CELLE. Für tosenden Applaus sorgte das Gastspiel von Händels Taschenoper „Acis und Galatea”, die am Sonntag im Rahmen des Musikfestivals Lüneburger Heide vor etwa 180 begeisterten Besuchern im Rittersaal des Celler Schlosses aufgeführt wurde. Kern der Handlung ist eine Episode aus Ovids Metamorphosen, in der der Zyklop Polyphem die Liebesidylle des Schäfers Acis und der Nymphe Galatea zerstört, weil er sich selbst in Galatea verliebt hat.

Die Oper „Acis und Galatea” entstammt einer Tradition, die uns heute fremd erscheint. Als „Masque” hat Händel sein mythenreiches pastorales Spiel bezeichnet, das auf eine höfische Repräsentationskultur zurückgreift, in der Mitglieder des Hofes die Metapher von einer Welt als Bühne zelebrierten und ihren spielerischen und vor allem tänzerischen Talenten nachkamen. So stellte denn auch Regisseur Georgios Kapoglou nicht das Zerstörerische, sondern den Tiefgang der Gefühle in den Vordergrund und präsentierte das Schauspiel wie das Aquarell eines arkadischen Idylls im Stil einer leichten Serenata. Dabei bediente sich das junge Berliner Ensemble unter der Leitung von Barbara Kastelewicz des altenglischen Original-Librettos, was dem Stück zusätzliche Authentizität verlieh. Als genialer Regieeinfall erwies sich zudem immer wieder die „personifizierte Natur” in Gestalt der bravourösen Tänzerin Linda Weißig, die buchstäblich für ein lebendiges Bühnenbild sorgte.

Die fünf Gesangssolisten, die im Tutti auch als Chor wirkten, begeisterten das Publikum mit erfrischenden, unverkrampften Interpretationen der empfindsamen, überwiegend lyrischen Arien, trefflich begleitet durch das auf historischen Instrumenten vielfarbig musizierende siebenköpfige Orchester. Norma Nahoun und Simon Wallfisch in den Hauptrollen als Galatea und Acis vermittelten gefühlvoll das zärtliche Anbandeln und griffen in ihrem Gesang mit einhüllender Wärme und sparsam dosierten Auszierungen stilkundig barocke Aufführungspraktiken auf. Doch beherrscht wurde die Szene von Tobias Hagge in der Rolle des Polyphem, der mit seinem je nach Situation polternden, dramatischen oder lyrischen Bass dem Ganzen bisweilen einen liebenswerten Hauch von Horror-Komik gab. Einfach schön.

Erschienen am 11. August 2008, Rolf-Dieter Diehl, Cellesche Zeitung – Kultur Regional